Werkstattgespräch anlässlich der Vorführung des Dokumentarfilms Günter Wallraff: Schwarz auf Weiss. Eine Reise durch Deutschland D 2009[1]
Gäste: Günter Wallraff, Journalist und Schriftsteller, Köln Pagonis Pagonakis, Autor und Filmemacher (Regie Schwarz auf Weiss), Köln Matthias Kremin, Leiter Programmbereich Kultur und Wissenschaft des WDR, Köln Prof. Gebhard Henke, Leiter Programmbereich Fernsehfilm, Kino und Serie des WDR, Köln Carol Campbell, Schauspielerin, Berlin Christoph Hochhäusler, Regisseur, (u.a. Unter Dir die Stadt), Autor, Publizist, Berlin
In diesem mit versteckter Kamera gedrehten Film deckt der Undercover-Journalist Günter Wallraff, verkleidet als Somalier, in Deutschland Alltagsrassismus auf, der auf der Hautfarbe basiert: Bei der Wohnungs- oder Jobsuche, in einer Wandergruppe, beim Bootsausflug, auf dem Stadtteilfest, in der Eckkneipe, in der Diskothek, im Kleingartenverein, in einem Zug voller Hooligans, auf dem Dauercampingplatz etc.
Günter Wallraff: Der Film hat eine lange Vorgeschichte. Ich hatte bereits im Rassismus-Regime Südafrika eine Rolle im Schwarzen-Ghetto Soweto geplant, was sich nach Mandelas Freilassung und der Demokratisierung erübrigt hatte. Dann hatte ich vor, als Bootsflüchtling über den Atlantik mitgenommen zu werden, doch ich fand keinen Schlepper. Den hätte man nämlich einweihen müssen, weil es sonst lebensgefährlich ist. Schließlich berichteten mir schwarze Freunde immer wieder über rassistische Anmache, wie ich sie dann, wie man in dem Film sehen kann, selbst erlebte. Was passiert, wenn die Hautfarbe sich ändert, wollte ich in meinem eigenen Land erleben. Ich war ja nicht nur der schwarze Flüchtling aus Somalia, ich war ja auch der schwarze Deutsche. Ich habe mich so verhalten wie sonst auch. Freundlich, zurückhaltend, normal. Kein Provokateur, kein Borat.
In einer Gesellschaft voller Vorurteile muss es einer aus der Mitte sein, der ihr den Spiegel vorhält
Ich habe bereits vor 25 Jahren in der Rolle des Türken Ali gelebt. Aus der Zeit kenne ich auch die Frage, warum ich einen Nicht-Deutschen spiele, sehr genau. Selbstverständlich wäre es in diesem Fall das Authentischere, ein Schwarzer hätte diese Rolle übernommen. Aber das Verrückte ist, dass es in einer Gesellschaft die Vorurteile gegen Fremde hat, mehr aufschreckt, wenn gerade einer der Ihren sagt: Seht mal her, es ist nur die Hautfarbe. Es ist kein Film über schwarze Kultur, aber diesen Film zu machen ist eben meine Möglichkeit, mir Realität anzueignen, mich einzumischen. Es gibt auch Nachsorge - ich spreche noch einmal einzeln mit allen Personen des Films. Ich gehe zusätzlich mit dem Film und dem Buch in Schulen und Jugendzentren, gerade im Osten. Gewisse Lernprozesse habe ich immer erreicht, und das wird auch hier passieren. Auch aus Ganz unten[2] habe ich häufig vorgelesen. Ein Beispiel aus einem Jugendclub in Wurzen/Sachsen: Vorne saßen die „Glatzen“, einer davon in der ersten Reihe, der war die erste Zeit ablehnend und unruhig. Zum Schluss brach es aus ihm heraus:“ Kanaken sind auch Menschen!“ Das war der Spruch des Tages; jetzt fingen wir mit der Diskussion an.
Dieser Film sagt etwas über das Konstrukt von Weiß sein als Norm
Carol Campbell: Der Film hat mich emotional berührt. Günter Wallraffs Darstellung eines Schwarzen könnte ich, die ich selbst Schwarze bin, durchaus anmaßend finden. Doch ich empfinde nicht so. Günter Wallraff spielt ja keinen Schwarzen, und schon gar keinen Somalier. Es geht nicht um Kultur; sondern ausschließlich um eine veränderte Hautfarbe. Ich stelle fest, dass nach der Sichtung hier eher eine gedrückte Stimmung herrscht. Das zeigt, dass dieser Film nichts über Schwarze, sondern über das Konstrukt von Weiß sein als Norm aussagt. Die Aufforderung zur Selbstreflexion richtet sich also nicht an mich als Schwarze, sondern eher an die weiße Mehrheitsgesellschaft. Dieses normierte Weiß sein als Inszenierung zu entlarven - nur so kommen wir weiter.
Gebhard Henke: Es ist eben ein Film von Günter Wallraff, der seit Jahren mit der Methode der Verstellung arbeitet. Ich habe aufgepasst, wie das Publikum reagiert; an welcher Stelle es lachte oder betreten war. An diesen Stellen wird doch der Film erst exemplarisch; weil man mit ihm interessante Erfahrungen macht, die eigenen Reaktionen betreffend. Wie geht man selbst mit Fremden um? Wo grenzt man aus, wo reagiert man ähnlich? Dann kommt die Verstellung hinzu. Mein Kollege Matthias Kremin kommt vom Dokumentarischen; ich bin ja vom Spielfilm. Im fiktionalen Fernsehen tun wir immer so als ob - und das macht dieser Film, obwohl es kein fiktionaler Film ist, ganz extrem.
Günter Wallraff: Die fremdenfeindlichen Äußerungen der Dame der Laubenkolonie am Schluss gehen ans Eingemachte. Diese Frau tritt sonst nicht ausländerfeindlich auf. Erschreckend war, dass sie nichts dabei findet, so offen in dem Film präsent zu sein. Aber nur in wenigen Fällen, z.B. bei meiner Wohnungssuche, die trotz Kaution und guter Kleidung vergeblich war, ist es uns gelungen, dass jemand, hier die Vermieterin, so offen alle Vorurteile im Nachhinein in die Kamera spricht. Das bekommt man sonst so direkt selten zu hören, aus Feigheit oder weil es anrüchig ist, es einem so direkt ins Gesicht zu sagen. Diese Vermieterin hat nachher ebenfalls ihre Unterschrift gegeben in Wort und Bild im Film erkennbar zu sein. Das zeigt, dass rassistische Ressentiments nicht nur in Randgebieten vorhanden sind, sondern schon die Gesellschaft durchdringen. Und soziologische Studien, z.B. von Prof. Wilhelm Heitmeyer, sagen: Ein Drittel der Bevölkerung ist hart mit rassistischen Vorurteilen behaftet. Das sind verdammt viele. Zwei Drittel haben zwar keine Ressentiments, sind aber auch nicht offen genug, sich schützend vor die Diskriminierten zu stellen.
Die Rolle des Türken Ali fand damals direkt in den Betrieben statt. In diesem Film geht es um die Reaktion einer Gesellschaft auf den Fremden mit dem Schwerpunkt Freizeit. Jede Demokratie muss sich daran messen lassen, wie sie auf Fremde reagiert. Von daher gesehen sind diese Szenen ein Gradmesser. Und es ist in unserem aktuellen Film nicht mehr die türkische Bevölkerung, die Ganz unten ist. Es sind die Schwarzen, also diejenigen, die es dort, wo es sie kaum gibt, am schwersten haben. Ich habe immer wieder erlebt, gerade im Osten, dass sie im normalen Stadtbild nicht auftauchen, weil sie sich da abgelehnt oder sogar bedroht fühlen. Dann wirft man ihnen vor, dass sie Parallelgesellschaften bilden. Diese Film-Reise zeigt, dass es an Normalität fehlt und vieles im Umgang mit Fremden verdruckst und verklemmt ist.
Wenn man zu den Gebildeten gehört und sich an rassistische Verhältnisse gewöhnt, verändert man nichts
Günter Wallraff: Wir zeigen in einer Szene, wie die rechten Fangruppen beim Spiel von Energie Cottbus gegen Dynamo Dresden mich als Schwarzen in einem Regionalzug bedrohen. Diese Szenen hatten wir nicht geplant, das hat sich ergeben. Dabei ist es doch ungeheuerlich, dass dieser Zug, von Steuergeldern finanziert, von der Polizei regelmäßig geschützt, eine Art „national befreite Zone auf Rädern“ ist. Und jeder Schwarze, der diesen Zug betritt, muss um sein Leben fürchten. Im Zug stand die Situation auf der Kippe. Wenn es da nicht die junge Polizeibeamtin gegeben hätte, die sich mutig und schützend vor mich stellte, ich wäre alle gemacht worden. Wenn man zu den Gebildeten gehört und sich an solche Verhältnisse gewöhnt, dann verändert man gar nichts in einer Gesellschaft.
Pagonis Pagonakis: Natürlich bekommt diese Fußballszene – und auch einige andere - durch die Heftigkeit Übergewicht in der Wahrnehmung der Zuschauer. Aber wir sind nicht nur an diesen prekären Orten unterwegs. Auf der Parkbank, bei den Menschen im Boot - das sind ggf. ein Gymnasiallehrer oder ein Angestellter in Alltagssituationen. Diese Szenen fallen wohl in der Wahrnehmung zurück. Aber Kleingartenverein wie Fußballspiel sind doch auch Orte des Alltäglichen. Die Medien machen die Alltagsgeschichten nie groß zum Thema, da meist nur Gewalt oder ein Übergriff Berichte provoziert. Das war der Grund, warum wir gerade diesen Alltagsrassismus und die Unsicherheit zeigen wollten. Wir lassen dabei Interpretationsspielraum, ob die Situation schon Rassismus bedeutet oder ob eher Angst im Spiel ist.
Ich bin mit Günter Wallraff fast gleichberechtigt in die Situation hineingegangen. Z.B. in dem Fußballzug war ich direkt an ihm dran als Kameramann. Alles konzentriert sich auf ihn. Dabei kennt mich auch keiner, und ich sehe auch nicht aus wie ein Fan von Dynamo Dresden. Aber alle haben sich auf ihn gestürzt. Es wurde noch nicht mal vermutet, wir könnten Bekannte oder Freunde sein. Aber es kam sofort die Verbrüderung mit mir, allein wegen der Hautfarbe. Und diese Verhöhnungen, Anpöbeleien, das Duzen, dieses Von-oben-herab-behandeln des Anderen so massiv zu erleben, war für mich auch neu.
Carol Campbell: Der Film zeigt deutlich, dass die Reaktionen nicht nur vom Umfeld abhängen, sondern auch von den Erfahrungen. Ich habe durchweg herausgehört, dass die Menschen, die sich besonders diskriminierend geäußert haben, überhaupt keine Erfahrung mit dem Anderen, dem Fremden, hatten. Es waren reine Vorurteile. Da spielt es keine Rolle mehr, ob wir von einem Verein oder von jungen oder alten Menschen reden.
Matthias Kremin: In den Momenten, in denen Gefahr förmlich heraufbeschworen wird, erschöpft der Film sich doch nicht. Uns lag sehr an alltäglichen Situationen, in denen Wallraff in einem Ruderbötchen sitzt oder auf einer Parkbank, und man sich als Zuschauer fragt, wie lange diese Nachbarschaft von den weißen Sitznachbarn noch ertragen wird und wann der Moment kommt, bis sie lieber woanders sitzen wollen. Wir suchen also nicht nur die neuralgischen Punkte auf, an denen wir Rassismus als Versuchsanordnung vermuten können.
Man muss nicht schwarz sein, um schlecht behandelt zu werden
Christoph Hochhäusler: In dem Film geht es ja auch um das Sichtbare. Ich sehe es so, dass man diesen Film mit ähnlichen Szenen, aber mit viel geringerer Abweichungen vom Code machen könnte. Zugehörigkeit kennt immer viele Codes, man muss nicht schwarz sein, um schlecht behandelt zu werden. Aber Günter Wallraffs Methode hat den Vorzug der Deutlichkeit, man kann sofort darüber sprechen.
Gebhard Henke: Man will doch viele Situationen, die ein Klischee erfüllen, nicht gerne als beispielhaft gelten lassen. Man spürt nämlich eigene Vorbehalte bei den Vorhöllen des Spießertums, die Günter Wallraff hier besucht: Ein Zug voller Fußballfans, der deutschen Hundeverein, der Schrebergarten. Dabei wird vergessen, dass sich z.B. gerade der Schrebergarten wandelt und junge Familien diesen Bereich wieder für sich entdecken. Das ursprünglich Spießige wird neu bewertet, dadurch ändert sich auch objektiv die Wirklichkeit. Aber gravierender ist schließlich, dass die meisten von uns gedacht haben, sich selbst in den Regionalzug voller Hooligans nicht hinein zu trauen. Wir haben beim Zuschauen verständlicherweise Angst, was jetzt mit Günter Wallraff passieren mag. Umso schlimmer, dass es überhaupt diese geschlossenen Gruppen gibt, mit denen keine Kommunikation möglich ist. Dies zeigen auch die Überfälle in S-Bahnen in jüngster Zeit, z.B. in München. Das ist, was für mich zählt und gleichzeitig auch der deprimierendste Aspekt ist.
Christoph Hochhäusler: Warum das Thema „Heimat“ immer wieder hochkommt und manchen vielleicht auch zuviel ist, hat damit zu tun, dass es immer ein Problem war, Deutsch zu sein. Die Nation ist sehr jung, es war immer ein Einwandererland, auch wenn vorher von großer Homogenität gesprochen wurde. Die große Frage ist, ob Deutschland anders als andere Nationen war. Was ich in dem Film sehe, hat für mich viel zu tun mit Unsicherheit darüber, wer man ist und was man zulassen kann. Ich stimme Diedrich Diederichsen zu, dass man den Begriff Heimat immer denken muß als schlechte Medizin, als Antwort auf ein Gift, auf einen Verlust[3], und in diesem Verlust-Sinne ist dieses Wort nach wie vor aktuell.
Ich finde es übrigens nicht paradox, dass viele Deutsche sich in der Spaltung zwischen Ordnungsliebe und auch romantischer Schwärmerei nicht wieder erkennen wollen, obwohl beide Tugenden als typisch deutsch gelten. Jeder Mensch hat seine Verluste, die er erleidet. Er sucht dann eine kulturelle Form, in die er das hineinwerfen kann. In diesem Widerspruch zwischen Kollektivität und Individualismus steht jede Gesellschaft. Die deutsche formt sich eben so aus, dass man die typisch deutschen Eigenschaften nicht auf sich bezieht. Das ist sicherlich auch ein Nachkriegsphänomen.
Nationalbewusstsein braucht nur der, der zuwenig Eigenes hat
Günter Wallraff: Ich sehe auch Vorteile in der deutschen Befindlichkeit. Wenn ich im Ausland bin, verteidige ich gerne den Antimilitarismus, der hierzulande, wie auch das Umweltbewusstsein, relativ verwurzelt ist. Wenn mir vorgehalten wird, dass wir Deutschen kein Nationalbewusstsein hätten, sage ich, dass wir das vielleicht inzwischen nicht mehr brauchen und vielleicht schon darüber hinaus sind. Nötig hat es doch nur der, der zuwenig Eigenes hat und sich an Übergeordnetes klammern muss. Ich glaube, hier ist eine Bewegung im Gange, bei der man sich an etwas Zukünftigem, Internationalerem orientiert. Ich hab daher mit dem Begriff „Heimat“ meine Probleme; denn der hat etwas Anheimelndes, Sentimentales, leicht Völkisches. In dem Sinne bin ich heimatlos. Genau wie der Begriff „Volk“, der ja total anrüchig ist. „Volk“ kommt vom altgermanischen „Kriegshaufen“, der einem Herrscher folgt. Es ist die Bevölkerung. Und die Bevölkerung verändert sich, während der Begriff Volk noch mit dem Begriff Blut und Boden verbunden ist. Dort, wo ich lebe, in Köln-Ehrenfeld, ist etwas Neues im Gange. Es gibt Armen- wie Reichen-Ghettos. In Ehrenfeld ist jeder dritte ein Zugereister, und das funktioniert irgendwie. Im Versuch, die Brücke zum zukünftigen Weltbürgertum zu schlagen, pendelt man sich irgendwo ein. Aber sich an der Scholle bzw. der Zufälligkeit seiner Geburt festzuhalten, ist oft eine Beschränktheit.
Carol Campbell: Ich bin Vorstandsvorsitzende beim Verein „Schwarze Filmschaffende in Deutschland“, der moniert, dass in den Medien selbst ein stereotypisches Bild der Schwarzen bzw. Nicht-weißen vorherrscht. Wir kaprizieren uns auf die fiktionalen Medien, obwohl es im Bereich Non-Fiction ähnlich ist. Die Berichterstattung ist auch dort sehr eingefärbt, was an dieser Stelle übrigens ein schönes Wort ist! Wir erreichen immerhin Veränderungen in kleinen Schritten. Man muß generell beachten, dass sich die Medien nicht nur, wie ich vorhin sagte, zur Selbstreflexion an die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft richten dürfen, über die wir jetzt immer gesprochen haben. Die andere Zielgruppe besteht ja aus Menschen mit Migrationshintergrund. Gerade für sie ist „Empowerment“ wichtig, speziell auch für betroffene Kinder. Wenn ich sehe, dass eine schwarze Ärztin eine Rolle spielt, ohne daß das Schwarz sein thematisiert wird, zeigt mir das, dass ich als Schwarze in der Gesellschaft eine größere Zugehörigkeit habe. Diese Empowerment-Funktion sehe ich auch in Schwarz auf Weiß.
Die Narration kann politisch mehr erreichen als die reine Dokumentation
Gebhard Henke: Die Siebziger Jahre in Deutschland in den Medien waren ja gekennzeichnet durch viele dokumentarische Beiträge zur Bewältigung des Nationalsozialismus. Nach diesen Jahren stellt sich aber die Frage nach der Wirkung. Wir vom Spielfilm können nämlich auch etwas tun. Schwarz auf Weiss ist hier zwar eher eine Narration, in der man sich dennoch als Zuschauer kaum von Günter Wallraffs emotionaler Reise, die er unternimmt, distanzieren kann. Ich glaube, dass die Fiktion oder die Narration die Chance hat, viele Menschen zu erreichen. Über den Tatort vermittelt, haben ausgewählte Themen, von zehn Millionen Menschen gesehen, schon ihre Auswirkungen. Die Zuschauer erfahren subkutan neben der Krimispannung, dass es Menschen mit einem bestimmten Problem gibt. Diese Kommunikation geht nicht nur über Aufklärung oder Bildung, sondern auch über das Gefühl, wobei man „Emotionalisierung“ sorgfältig handhaben muss.
Günter Wallraff: Ich will einen Schritt weiter gehen. Ohne das öffentlich-rechtliche Fernsehen lebten wir in einer anderen Gesellschaft. Gerade in den früheren Jahrzehnten, als es noch nicht diese Verblödungssender gab, an die sich im Übrigen der Einschaltquoten wegen inzwischen heute auch das Öffentlich-rechtliche immer häufiger angleicht, konnte eine TV-Sendung im ganzen Land Debatten hervorrufen. Fernsehen hat Aufklärung und Demokratie in eine Gesellschaft gebracht, die damals noch von den Nachwehen des Faschismus überlagert war. Heute leben wir in einer Kastengesellschaft. Ähnlich dem, was Aldous Huxley in Schöne Neue Welt[4] als Alpha-Plus-Menschen beschreibt, die über allem thronen und die breite Masse immer mehr durch Brot und Spiele von ihren eigentlichen Interessen abhalten. Wenn nur noch die Quote gilt und der Bildungsauftrag nur noch auf dem Papier steht, kommen leider wichtige Sendungen und Magazine nur noch in Ausnahmefällen zu einer vernünftigen Sendezeit.
Gebhard Henke: Viele, die das kritisieren, schauen nicht genau hin. Zuviel Beweihräucherung des Öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist zwar auch nicht gut - Sonia Mikich von „Monitor“ sagte neulich, „Zuviel Weihrauch rußt den Heiligen“ - aber Filme des WDR wie Wut[5] haben eine breite gesellschaftliche Debatte angestoßen und bei Contergan[6] sogar bis zur Erhöhung der Rente für die Contergan-Geschädigten gewirkt. Darauf sind wir stolz, ich nehme das zumindest für den WDR in Anspruch.
Christoph Hochhäusler: Ich verstehe, dass Sie so argumentieren, Herr Henke, doch ich finde es - gerade auch für eine ästhetische Debatte - fatal, wenn man Medieninhalte daran misst, ob sie ein Gesetz ändern oder direkte Wirkung haben. Öffentlichkeit ist so viel komplexer, ich wünsche mir keine so deutliche Verknüpfung. Der Film, der mich dazu bewegen soll, meine Diskriminierungspraxis zu ändern, ist Propaganda. Ein Film, der so auf Wirkung zugeschnitten ist, ist dann meist kein guter Film mehr.
Frage eines Teilnehmers aus dem Publikum: Herr Wallraff, Sie sagen, Ihr Viertel Ehrenfeld würde immer internationaler, Sie identifizieren sich mit dem Ort. Ich kann das gut nachvollziehen, aber wie bringen Sie diese Erfahrungen in Einklang mit den Erfahrungen während des Films in Köln?
Günter Wallraff: Das ist in der Tat ein drastischer Widerspruch. Ich bin jetzt inzwischen bekannt, das ist eine Schieflage. Wenn Sie prominent sind, hat das – ob Sie wollen oder nicht - auch etwas mit Prostitution zu tun. Sie erleben die Gesellschaft aus einem Schonbereich heraus. Z.B. fahre ich immer zu schnell und komme oft zu spät. Aber die Polizisten drücken bei mir inzwischen da schon mal ein Auge zu. Ich muss deshalb aufpassen, dass ich mir nicht eine Art Sonderwelt zurechtlüge, in dem es im Grunde genommen anders zugeht als bei den meisten Menschen. Ich sollte viel öfter in neuen Rollen und in anderen Identitäten daherkommen.
[1] Schwarz auf Weiss – eine Reise durch Deutschland (D 2009, Regie: Pagonis Pagonakis, Susanne Jäger) Produzent: Gerhard Schmidt, Produktion: Captator Film in Koproduktion mit dem WDR, in Zusammenarbeit mit arte, Verleih: X-Verleih [2] Ganz unten., Günter Wallraff, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1985 [3] s. Kapitel 1, S.*** [4] Aldous Huxley, Schöne Neue Welt (Brave New World), London: Chatto & Windus 1932 (Deutsche Erstveröffentlichung 1953) [5] Wut (D 2006, Regie: Züli Aladag), Produktion: Colonia Media für den WDR [6] Contergan (2-teiliger Fernsehfilm, D 2007, Regie: Adolph Winkelmann), Produktion: Zeitsprung Entertainment für den WDR. Deutscher Fernsehpreis für den besten deutschen Fernsehfilm | ||