Namenlos1

Eine neue Runde des Kalten Krieges, ein unappetitliches Nachgefecht, wird anno 2003 mit RosenholzAkten" veranstaltet. Soweit ich die Stasi kenne, passte Wallraff nicht in deren Format". Dazu war er viel zu unberechenbar, anarchistisch und ganz und gar auf seine eigenen Projekte fixiert. Auf der anderen Seite: dass dieser antidiktatorische Typ Wallraff sich auf einen totalitären Repressionsapparat einlässt oder dem gar verbindlich zuarbeitet, ist mir nicht vorstellbar. Wallraff, diesen politischen Enthüllungskünstler mit persönlichem Mut, konnte die Stasi nicht als wie sie das nannte vertrauenswürdig einstufen. Sie musste vor ihm auf der Hut sein. Und das war sie auch. Wallraff kann man vorwerfen, dass er seinerzeit zu wenig auf der Hut war und offenbar nicht sehen wollte, welch professionelle Bande er vor sich hatte, die ihn mit ihm wichtigen Archivmaterialien versorgte, aber dabei stets an Desinformation, propagandistischer Verunsicherung und innerer Destabilisierung der Bundesrepublik interessiert war. Im Wettkampf der Systeme nutzte allerdings auch der Westen nicht immer lautere Mittel zumal zu Zeiten, da dieser mit diversen Diktaturen enge Beziehungen unterhielt.

Zwei einander auf Leben und Tod belauernde und mit allen Mitteln konkurrierende Systeme standen sich gegenüber. Viele Linke im Westen wollten nicht in die Nähe antikommunistischer Propaganda gerückt werden und folgten somit indirekt der SEDMaxime von der Parteilichkeit der Wahrheit". Diesen komplizierten Gesamtzusammenhang rückwirkend noch einmal zu betrachten, zu analysieren und zu bewerten, scheint mir viel wichtiger, als ernst zu nehmende Hinweise aus den Akten gegenüber IM Wagner" oder anderen Personen zur Generalabrechnung nutzen zu wollen. Der Satz Wallraffs, wonach der Führungsoffizier eine Akte, aber nicht mich geführt hat", trifft den Nagel auf den Kopf. Es könnte sein, dass Wallraff nicht gemerkt hat, wie sehr er geführt werden sollte, bis dahin, dass die DDR ihn 1988 noch in ein Dokument ihres letzten, hilflosen und doch noch gefährlichen Röchelns, in den Statistikbogen einer Mobilisierungskartei für den Ernstfall", aufnahm. (Wie kann man das Wallraff anlasten?)

Der Ernstfall kam freilich ganz anders als gedacht. Was Wallraff an Aufklärungsarbeit geleistet und an Mut gezeigt hat (in Griechenland oder Portugal), Soll durch die jetzige Kampagne in den Schatten dieses StasiEkel Apparates gerückt werden. Springers späte Rache! Unvergessen Wallraffs Aufdeckung der Praktiken von BILD". Nun wird alles in den Verdachtsgeruch von Stasisteuerung gebracht. Zugleich ist kaum davon die Rede, welch dubioser Praktiken sich westliche Geheimdienste zu jener Zeit (Kongo, Chile, Indonesien) bedienten, welche Rolle Geheimdienste bis heute bei der Desinformation der Öffentlichkeit spielen und sich selbst des Außenministers der Supermacht zur Kriegsrechtfertigung man erinnere sich des denkwürdigen Auftritts vor der UNO bedienen. Ein Unrecht wird nicht durch ein anderes Unrecht relativiert, aber erst wenn die Wahrheit im Ganzen und die Akten aus jenen Jahren alle auf dem Tisch liegen, kann man sich ein zutreffendes Urteil bilden; sonst wird die Wahrheit der Sieger zur Siegerwahrheit. Und in den Zeiten von Echelon, Patriot Act, DesinformationsRumsfeld und KGBPuhn bedarf es solcher Enthüllungsjournalisten wie Wallraff - mit aller gebotenen Vorsicht vor jedweder Instrumentalisierung!

Friedrich Schorlemmer