Am 15. MŠrz 2011, fast 6 Wochen nach Erscheinen meines Artikels ãDie gequŠlte SeeleÒ im ZEIT-Magazin kam es zu einem Treffen in Kšln: Der Patient, dessen Leidensweg ich geschildert hatte, und seine Frau, der Leiter der psychiatrischen Walter-Picard-Klinik in Riedstadt-Goddelau, auch als Philippshospital bekannt, und ein behandelnder Arzt, weitere Fachleute und ich diskutierten die Folgen der Veršffentlichung. Die Klinik, besonders der im Artikel als Dr. H. benannte Arzt, hatten sich beklagt, mein Bericht sei einseitig und enthalte falsche Tatsachenbehauptungen. Reiner Feldmann und seine Frau fanden das nicht; sie waren aus anderen Motiven angereist; sie hofften in dieser Runde auf všllige Rehabilitation und eine unmissverstŠndliche Entschuldigung der Klinik. Ich selber hoffte im Interesse des ehemaligen Patienten dasselbe, zumindest auf ein Zeichen in dieser Richtung. Ich erklŠrte mich darŸber hinaus gegenŸber Arzt und Klinik bereit, Unklarheiten und UnschŠrfen meines Artikels zu korrigieren und insbesondere Dr. H. von der Verantwortung fŸr die Fehlbehandlung von Reiner Feldmann in der Klinik zu entlasten. In Folge einer Verwechslung wurde er fŸr eine Fehldiagnose verantwortlich gemacht, die tatsŠchlich aber nicht in seine ZustŠndigkeit fiel. Das Dilemma der Psychiatrie, verdeutlicht am Beispiel des Patienten Reiner Feldmann, ist mir nach den Auseinandersetzungen um meinen Artikel noch bewusster geworden. Ich fordere, dass die Verantwortlichen in €rzteschaft und Politik die vor Ÿber 30 Jahren begonnene Psychiatriereform endlich weiterfŸhren.

Ich hoffe auf eine šffentliche Auseinandersetzung und wŸnsche mir, dass mein Artikel, den ich in dieser online-Ausgabe auf den neuesten Stand bringe, dazu beitragen kann.

 

PSYCHIATRIE

Die gequŠlte Seele

 

Wegen einer Depression suchte Reiner Feldmann Hilfe in einer psychiatrischen Anstalt. Doch dort wurde sein Lebenswille fast gebrochen: Zum Alkoholiker mit Gehirnschwund abgestempelt, geriet er in einer geschlossenen Abteilung fŸr Demenzkranke. Mit bis zu acht harten Psychopharmaka zugleich ãbehandeltÒ, fand er nach seiner Entlassung kaum zurŸck in ein normales Leben.

 

Von GŸnter Wallraff |

 

Unter den vielen Briefen, die ich erhalte, sind immer wieder Schreiben von Menschen, die mir von ihrer Psychiatrieerfahrung erzŠhlen. Sie berichten davon, dass man sie schlecht  behandelt habe, man sie vernichten wolle, sie an ihrem Leiden zerbrochen seien. Ich fŸhle mich meist Ÿberfordert, wenn ich diese Briefe lese, verweise auf AnwŠlte, nenne Adressen von €rzten oder von Patientenorganisationen und hoffe, so ein wenig helfen zu kšnnen.

Dann bekam ich einen Brief, in dem es um Goddelau ging. Goddelau, allein der Name zwang meine Gedanken zurŸck zu einem eigenen Erlebnis, das ich Ÿber die Jahre fast verdrŠngt hatte. Goddelau, das war meine Psychiatrieerfahrung, damals, vor Ÿber 40 Jahren.

1967 hatte ich mich im hessischen Riedstadt-Goddelau als vermeintlicher Alkoholiker in die dortige Klinik einweisen lassen und die Zeit in der ÈIrrenanstaltÇ zu einer meiner 13 unerwŸnschten Reportagen verarbeitet.  Der Brief Ÿber Goddelau, den ich erhalten hatte, stammte von Reiner Feldmann. Er war, wie er mir schrieb, ausgelaugt an Leib und Seele gewesen und hatte dort Schutz und Hilfe gesucht. Seine Arbeit als Versicherungsangestellter hatte ihn zermŸrbt, wie viele BeschŠftigte, die auf Arbeitsdruck oder drohende Arbeitslosigkeit mit Burn-out-Syndrom und Depression reagieren.

 

Reiner Feldmann begann 1981 bei der Allianz-Versicherung, er war damals 31 Jahre alt und blieb dort sein restliches, fast 30 Jahre wŠhrendes Arbeitsleben. Der krŠftige, gro§e Mann mit grauwei§en Haaren und kurz geschnittenem Bart war aktiver Gewerkschafter. Seine Stimme klingt ruhig und nachdenklich, als er erzŠhlt, wie seine Probleme begannen. ÈAnfang der neunziger Jahre wurde die Arbeit Schritt fŸr Schritt auf Computer umgestelltÇ,  sagt er. Parallel dazu seien Sachbearbeitung und Schreibarbeit zusammengelegt worden.  ÈDurch die Umstellung wurde unsere Arbeit als Sachbearbeiter erheblich ÝverdichtetÜ – so nannten sie es, wenn die Arbeit, die frŸher von zwei Kollegen erledigt worden war, auf  einen Ÿbertragen wurde.Ç

 

2005 macht der Allianz-Konzern viereinhalb Milliarden Euro Jahresgewinn. Die  KonzernfŸhrung visiert danach eine weitere Gewinnsteigerung um mindestens 500  Millionen Euro an: DafŸr sollen 16 Prozent des Personals eingespart werden. €ltere  Arbeitnehmer, das gehšrt zu diesem Konzept des Personalabbaus, sollen mšglichst in den  Vorruhestand versetzt werden oder Ÿber Altersteilzeit frŸher ausscheiden.  ÈIch war am Computer nicht gerade schnellÇ, sagt Reiner Feldmann. ÈFrŸher diktierte  ich, jetzt sa§ ich mit zwei jungen Frauen im Zimmer, die in der Zeit, in der ich einen Brief  tippte, drei schrieben.Ç Die Vorgesetzten drŠngen ihn schlie§lich in den Vorruhestand.  Er stimmt zu, trotz der erheblichen finanziellen Einbu§en, die mit dieser Entscheidung  verbunden sind. Die Altersteilzeit soll fŸr den dann 58-JŠhrigen im Mai 2008 beginnen,  mit zweieinhalb Jahren voller Arbeit zu geringerem Gehalt. Danach wŸrde er fŸr weitere  zweieinhalb Jahre bei demselben reduzierten Gehalt freigestellt werden und dann die  gekŸrzte Rente erhalten.

FrŸher seien die Ruhestandskandidaten in der Versicherung privilegiert behandelt worden,  sagt Reiner Feldmann. ÈIch nicht. Im Gegenteil. Ich hatte den Eindruck, als wollte  mein Abteilungsleiter in den zweieinhalb Jahren noch alles aus mir rausholen. Weil die  personelle Situation immer schlechter wurde, musste ich zusŠtzliche Arbeit Ÿbernehmen.Ç  Schlaflosigkeit und Magenbeschwerden, Schwindel, †belkeit – unter diesen Symptomen  leidet Feldmann damals. Aber noch hŠlt er durch. Wie dramatisch die Lage auch fŸr andere  Angestellte im Unternehmen ist, zeigt ein internes Rundschreiben seines stellvertretenden  Abteilungsleiters aus dieser Zeit. Von der Ègro§en Verzweiflung der MitarbeiterÇ ist  da die Rede und von Versuchen, ÈAbhilfe zu schaffenÇ durch die ÈEinstellung von  Aushilfen sowie die Arbeitszeiterhšhung bei TeilzeitkrŠftenÇ. Grund fŸr die Ma§nahmen:  ÈBeschwerden von unseren Versicherungsnehmern und den GeschŠdigtenÇ Ÿber die  Abwicklung ihrer AntrŠge hŠtten stetig zugenommen.

Arbeitsleid ist das eine. Kommen noch andere Probleme hinzu, mit den Kindern, den  Nachbarn oder in der Ehe, ist die Grenze zum Zusammenbruch schnell Ÿberschritten. Bei  Reiner Feldmann ist es das Haus, das er 2007 mit seiner Frau gekauft hat, er fŸrchtet, sich  damit finanziell Ÿbernommen zu haben. Ins Haus hat das Paar auch die Mutter der Ehefrau  aufgenommen, die dement ist und deshalb rund um die Uhr Hilfe und Pflege benštigt.  Reiner Feldmann verstummt angesichts des sich Ÿber ihm auftŸrmenden Berges an  Problemen. Er reagiert mit Depression. Seine Frau macht sich zunehmend Sorgen. Ihr  Mann wird krankgeschrieben, zieht sich zurŸck, trinkt schon mal zu viel und sorgt sich,  ob er bis zur FrŸhverrentung durchhŠlt oder ob er vorher entlassen wird und als Hartz-IV-  EmpfŠnger die Familie in den Abgrund rei§t Anfang Februar 2008 begibt er sich in die psychiatrische Klinik seiner Heimatregion,  ins Philippshospital in Riedstadt-Goddelau, eine weitlŠufige Anlage, die mit zahllosen  GebŠuden auf einem ParkgelŠnde liegt. Beim ersten Versuch, dort Hilfe zu  bekommen, macht Reiner Feldmann auf dem Absatz kehrt. ÈMir wurde ein Bett in einem  Zimmer zugewiesen, das total zugemŸllt war.Ç Es sei ŸbersŠt gewesen mit Kleidung,  Zeitschriften, benutzten TaschentŸchern und UnterwŠsche eines anderen Patienten. ÈDer  zustŠndige Arzt zuckte nur die Schultern und meinte, ich solle mich nicht so anstellen.  Wichtig sei doch wohl, dass es keine gewalttŠtigen Patienten auf der Station gebe. Ich habe  mich dann geweigert zu bleiben. Obwohl es mir wirklich schlecht ging.Ç

 

Den Impuls, sich lieber doch nicht auf derartige ÈHilfeÇ-Bedingungen einzulassen,  kenne ich gut. Als ich mich 1967 nach Goddelau hatte einweisen lassen, musste ich mich Ÿberwinden wie selten zuvor. Ich hatte tatsŠchlich irre €ngste, im Wahnsinn dieser  Anstalt spurlos zu verschwinden. Die Patienten waren alle zusammen in einer Abteilung  untergebracht, Schizophrene, Alkoholiker, Demente und Epileptiker, obwohl sich die  Erkrankungen stark voneinander unterscheiden. In den MassenschlafsŠlen wurden  Patienten immer wieder festgeschnallt. Obwohl die Psychiatriereform der siebziger Jahre  immerhin die MassenschlafsŠle auflšste und seelisch Kranke tatsŠchlich zu menschlichen  Individuen erklŠrte, kann ich gut  erstehen, dass Reiner Feldmann damals einfach umkehrte.

 

Zwei Wochen spŠter, Ende Februar, macht er auf Anraten seines Arztes einen zweiten  Anlauf. UnterstŸtzt von seiner Frau, sucht er die Klinik erneut auf. Diesmal bleibt er.  Der Aufnahmebericht vom 25. Februar 2008 zitiert Feldmanns Frau: Ihr Mann leide an  einer Depression infolge Èimmenser ArbeitsbelastungÇ. Auch sehe er Probleme wegen  des gemeinsamen Hauskaufs, die seien allerdings ÈunberechtigtÇ; neu und belastend fŸr  ihn sei darŸber hinaus, dass das Ehepaar in das neu erworbene Haus gezogen sei, in dem  auch die Schwiegermutter des Hilfesuchenden wohne, die pflegebedŸrftig sei wegen einer  beginnenden Demenz. Das habe den Alltag fŸr ihren Mann nicht eben leichter gemacht.

Der aufnehmende Arzt, tŠtig in der Station 9/4, auf der unter anderem depressiv Erkrankte behandelt werden, findet im einstŸndigen GesprŠch mit der Ehefrau und dem Erkrankten das ãAnklingen eines VerarmungswahnsÇ. Die Vermutung, ein Patient leide unter einem ãWahnÒ, wiegt schwer in der Psychiatrie. Die Gefahr besteht nŠmlich, dass alle LebensŠu§erungen des Patienten als Ausgeburten seines Wahns hingestellt werden, die rationalen GesprŠchen und psychologischer Hilfe nicht zugŠnglich sind. Reiner Feldmann hatte tatsŠchlich Angst, der Hauskauf und seine FrŸhverrentung werde ihn und seine Frau wirtschaftlich empfindlich belasten. Eine nicht wirklich irrationale Furcht – in Zeiten der Finanzkrise, die damals ihre Schatten voraus warf, schon gar nicht. In der Krankenakte von Reiner Feldmann verfestigt sich stattdessen die bedenkliche Wahn-Zuschreibung. Nicht einmal vom vorsichtigen ãAnklingenÒ ist kŸnftig mehr die Rede. Am 27.2. hei§t es im sogenannten ãVerlaufsberichtÒ: ãLeidet unter VerlustŠngsten sowie Verarmungswahn.Ò Am 3.3. notiert die Krankenakte, der Patient zeige ãein schweres depressives Zustandsbild mit ausgeprŠgtem VerarmungswahnÒ. Der Entlassungsbericht vom 3.6. 2008 behauptet zusammenfassend: ãHerr Feldmann bot ein schweres depressives Krankheitsbild mit ausgeprŠgtem Verarmungswahn.Ò ãWahnÒ wird Ÿblicherweise medikamentšs bekŠmpft. Geht es hingegen um ein nachvollziehbares seelisches Problem, um die Angst z.B., man kšnne durch alle Raster fallen und am Ende in die Altersarmut absinken, sollte das in einfŸhlsamen GesprŠchen ausgelotet und die Angst – soweit wie mšglich – gelindert und relativiert werden.

Finden solche ausfŸhrlichen therapeutischen GesprŠch Ÿber die Arbeitsbelastung und das Mobbing – ZustŠnde in seiner Firma, auf die Reiner Feldmann mit einer Depression reagiert hatte hinreichend statt? Reiner Feldmann sagt, nein.  Im Arztbrief,den Notizen der behandelnden €rzte fŸr die Krankenakte, findet sich kein Hinweis, dass man tiefer in die seelischen Probleme des Patienten eingedrungen sei.

 

Neben dem ãAnklingenÒ einer Wahnerkrankung vermutet der aufnehmende Arzt noch eine Alkoholkrankheit. Im Aufnahmebogen steht ãAlkoholabususÒ, also Alkoholmissbrauch. Und: ãKrankheitseinsicht besteht fŸr Depression und schŠdlichen Gebrauch von AlkoholÒ. Reiner Feldmann hatte allerdings selber ausgefŸhrt, er trinke manchmal tŠglich einen Liter Wein. Was seine Frau entsetzt, er trinke seit Wochen gar nichts mehr, er sei mitnichten ein Alkoholiker, widerspricht sie. Sie hatte in erster Ehe mit einem Alkoholiker zusammen gelebt, war ehrenamtlich aktiv im ãBlauen KreuzÒ, einer Suchthilfeorganisation, wusste also einiges Ÿber Indizien einer Alkoholkrankheit. Frau Feldmann sagt spŠter, sie habe damals gleich geahnt, ihr Mann werde jetzt ãin eine Schublade gestecktÒ.

 

Am Aufnahmetag erhielt Reiner Feldmann zur BekŠmpfung seiner Depression drei Psychopharmaka: Zyprexa, Quilonum und Trevilor, letzteres hatte er selber schon die Tage vor seinem Schritt in die Klinik eingenommen. Auch Zolpidem, ein Schlafmittel, hatte er seit einiger Zeit genommen. Das Mittel wurde abgesetzt. Was zu Entzugserscheinungen fŸhren kann.

 

Am Abend des Aufnahmetags entwickelte der Patient lt. Krankenakte ãAlkoholentzugssyndromeÒ und wurde fŸr 6 Tage auf die Suchtstation verlegt. In dieser Zeit erhielt er zusŠtzlich zu den Antidepressiva noch Tavor und mehrere Entzugs- und Beruhigungsmedikamente (Distraneurin und Atosil). Tavor ist allerdings bei Alkoholismus kontraindiziert, d.h. gesundheitsschŠdlich. So kritisiert es Prof. Dr. Frank Matakas, Psychiater und langjŠhriger Klinikleiter in einem Gutachten, das er fŸr mich erarbeitet hat.

 

Reiner Feldmann wehrte sich gegen die Verlegung in die Suchtstation. Er habe sich nie als Alkoholiker gefŸhlt, auch nie Entzugsymptome erlitten, wenn er keinen Alkohol getrunken habe. ÈIch schwitzte und zitterte aufgrund meiner Angst vor GoddelauÇ, sagt Feldmann, Èdies wertete der Arzt als Alkoholentzugserscheinung.Ç Die Klinik beharrt auf ihrer Sicht, es wŠre unverantwortlich gewesen, den Kranken angesichts der gezeigten Entzugserscheinungen nicht entsprechend zu medizieren Die Frage, ob womšglich das Absetzen des Schlafmittels Zolpidem  und die Gabe von Trevilor (Nebenwirkungen u.a. Schwindel, Sehstšrung, NervositŠt, Zittern, Hitzewallungen, Sedierung/DŠmpfung) sowie von Zyprexa (Nebenwirkungen  kšnnen sein  AngstgefŸhle, Zittern, starkes Schwitzen) und Quilonum (Nebenwirkungen u.a. HŠndezittern, Koordinationsstšrungen, Schwindel, Halluzinationen) die festgestellte Symptomatik mit hervorgerufen haben, wird lt. Krankenakte nicht thematisiert.

 

Festzustellen ist allerdings: die Behauptung, Feldmann sei schwerer Alkoholiker, zieht sich – ebenso wie die Behauptung, er leide an ãVerarmungswahnÒ – fortan durch seine Krankengeschichte in der Klinik. Obwohl er wŠhrend seines fast dreimonatigen Krankenhausaufenthalts nachweislich keinen Alkohol mehr trinkt, auch auf seinen zahlreichen AusgŠngen und Wochenendbesuchen daheim und nach seinem 6-tŠgigen Aufenthalt auf der Suchtstation nicht ein einziges Mal mehr als vermeintlicher Alkoholiker auffŠllt, bleibt er es – nach Aktenlage. Der Entlassungsbericht vom 19.5. 2008 an den weiterbehandelnden Hausarzt vermerkt als Diagnose: ãPsychische und Verhaltensstšrung durch AlkoholÒ. Am 3.6. 2008 behauptet ein zweiter, ausfŸhrlicherer Entlassungsbericht sogar, bei Feldmann sei eine ãchronische Alkoholkrankheit (F10.2)Ò diagnostiziert worden. Der so Gebrandmarkte wehrt sich seit seiner Entlassung gegen diese Zuschreibung – mit welchem Erfolg, werde ich im weiteren Verlauf berichten.

 

Erst einmal zurŸck nach Goddelau, zurŸck zum 3. MŠrz 2008. Nach seiner RŸckkehr auf die Demenzstation erhielt Feldmann zusŠtzlich zu Zyprexa, Quilonum, Trevilor und Tavor noch Ramipril (ein Mittel zur Bluthochdrucksenkung, Nebenwirkungen kšnnen sein: Schwindel, Kopfschmerz und Benommenheit; es kann au§erdem den Plasmaspiegel von Lithium kritisch steigern), insgesamt also einen Cocktail aus vier Psychopharmaka plus einem Bluthochdruckmittel. ZusŠtzlich konnten (und wurden) bei Bedarf noch weitere Schmerz- oder Beruhigungsmittel wie Paracetamol,. Riopan, Atosil oder Distraneurin verabreicht.

 

Im Kontrast zur intensiven und extensiven Arzneimittelgabe standen die ãGesprŠcheÒ. Feldmann selber hielt sie fŸr oberflŠchlich, meist sei es nur um sein momentanes Befinden gegangen und um die Einnahme der Medikamente. TatsŠchlich finden sich in den Krankenakten keine GesprŠchsaufzeichnungen, die darauf verweisen, dass die Lebenssituation von Reiner Feldmann ausfŸhrlicher beleuchtet oder seine depressive Krise und die mšglichen Ursachen intensiver eršrtert worden seien. Jedenfalls wird weder von mšglichen Blockaden des Patienten, Ÿber seine seelischen Probleme zu sprechen noch von eventuellen Fortschritten in der Durchdringung seiner Probleme berichtet. Die behandelnden €rzte, besonders auf der Station 9/2, verweisen darauf, ihre Aufzeichnungen kšnnten schon aus ZeitgrŸnden nicht alles wiedergeben, was besprochen worden sei. Man habe jedenfalls, so auch die Bemerkung im Arztbrief, Ÿber die Altersteilzeit des Patienten und Ÿber seine Sorgen wegen einer mšglichen †berschuldung gesprochen.

 

Reiner Feldmann hingegen sagt, er habe sich weder ernst genommen gefŸhlt noch den Eindruck gehabt, dass die GesprŠche mit €rzten und Pflegepersonal auch nur annŠhernd die therapeutische Bedeutung gehabt hŠtten wie die Medikation.

 

Feldmann bleibt nun in der Station 9/2, ohne dass sich sein Zustand nachhaltig bessert. Bereits zuvor war eine Computertomografie des Kopfes in der Radiologie Darmstadt, die mit der Klinik in solchen FŠllen kooperiert, veranla§t worden. Das Institut fŸhrt die Untersuchung am 13.MŠrz 2008 durch und befundet die Untersuchung noch am gleichen Tag durch einen radiologischen Facharzt. Ergebnis: ãkeine Atrophie!ÒDer Befund ist damit in der elektronischen Patientenakte der Radiologie Darmstadt gespeichert und von den †berweisern auf Wunsch per Fax abrufbar. ZusŠtzlich geht der unterschriebene Befund auf dem Postweg an das Philippshospital und erreicht dort erfahrungsgemЧ die Station innerhalb einiger Werktage. Das Schreiben wird von der Klinik allerdings erst am 27. MŠrz mit einem Eingangsstempel versehen. Warum so spŠt, ist ungeklŠrt. Aber von Bedeutung, denn bis zu diesem Tag nimmt die Klinik die EinschŠtzung der DarmstŠdter Radiologen offensichtlich nicht zur Kenntnis. Stattdessen wird Reiner Feldmann, der die Aufnahmen aus Darmstadt mitgebracht hat, mit der klinikinternen Interpretation der Aufnahmen konfrontiert: Sie wŸrden eine ãKleinhirn- und Gro§hirnatrophieÒ zeigen, also einen umfassenden Gehirnschwund. Der Eintrag in die Krankenakte ist vom zustŠndigen Stationsarzt unterschrieben, der spŠter mitteilt, nicht er selber habe diese Interpretation vorgenommen, sie stamme von einer fachlich versierten Kollegin. Er beruft sich in einem Schreiben gegenŸber der LandesŠrztekammer – da geht es bereits um Regressforderungen von Reiner Feldmann – mit folgenden Worten auf seine Kollegin: ãF. stellte eine Atrophie von Kleinhirn und Gro§hirn fest und bemerkte, dass die Radiologie Darmstadt bisweilen und erstaunlicherweise derartige Befunde als Normalbefunde einordne, was sie selbst aufgrund ihrer klinischen Erfahrung als FachŠrztin aber nicht immer teilen kšnneÒ (Schreiben vom 16.12. 2009).

 

Dramatisch ist, dass diese EinschŠtzung eins der Argumente ist, um Reiner Feldmann von der offenen Depressivenstation des Krankenhauses auf die geschlossene Demenzstation zu verlegen. (ãAufgrund der Alkoholanamnese und des klinischen Verlaufs (Entzugssyndrom Orientierungsstšrung, GedŠchtnisstšrung, unsichere Koordination) sowie aber auch konkret aufgrund der Bildgebung im CT informierte ich Herrn Feldmann Ÿber unsere EinschŠtzung einer mšglichen Klein- und Gro§hirnatrophieÒ, ebd.) Ebenso dramatisch ist, dass das Institut in Darmstadt, wie schon erwŠhnt, lŠngst zur genau gegenteiligen Interpretation des CT gelangt war. Hirnorganische VerŠnderungen seien nicht feststellbar, insbesondere: ãKeine Hirndruckzeichen. Normal dimensionierte innere und Šu§ere LiquorrŠumeÒ – zu deutsch: keine Tumorbildung und keine Hirnschrumpfung.

 

SpŠter teilt mir das Institut mit, selbst wenn ein Gehirn ãgeschrumpftÒ sei, kšnne daraus Ÿberhaupt nicht auf geistige oder gar seelische ZustŠnde des Patienten geschlossen werden. Im Alter sei eine gewisse Hirnschrumpfung normal, Ÿberdies sei die Grš§e des Gehirns ohnehin kein Indiz fŸr Intelligenz oder psychische Gesundheit. CT-Aufnahmen der beauftragten Art seien nur dazu da, um Tumorbildungen auszuschlie§en, die tatsŠchlich in bestimmten FŠllen ãaufs GemŸt drŸckenÒ kšnnten. Im vorliegenden Fall sei auch das nicht gegeben gewesen.

 

Ganz anders liest das Philippshospital das CT von Reiner Feldmann. Nicht nur notiert der behandelnde Stationsarzt, er habe seinem Patienten mit Verweis auf den angeblichen CT-Befund den ãschŠdlichen Gebrauch von Alkohol und Wirkung auf OrgansystemeÒ klar gemacht. Frau Feldmann wird einige Tage nach dem CT – da liegt ihr Mann bereits auf der geschlossenen Demenzabteilung – von der dort behandelnden €rztin eršffnet, ihr Mann sei unheilbar an Alkoholdemenz erkrankt, sie solle am besten zum Amtsgericht Darmstadt gehen und die Betreuung fŸr ihren Mann beantragen. ãEs war ein solcher Schlag fŸr mich. Ich war fassungslos, unendliche Trauer kroch in mir hochÒ, schreibt Hilde Feldmann spŠter. ãDas hie§ ja nichts anderes, als dass ich meinen Mann und alles, was diesen Menschen einmal ausgemacht hatte, verloren habe.Ò Die €rztin in der Demenzabteilung beschreibt das GesprŠch spŠter auf ihre Weise: ZusŠtzlich zur psychotischen und depressiven Erkrankung ãbestand eine bekannte chronische Alkoholkrankheit (...) Daher kam eine mšgliche demenzielle Entwicklung in Frage (...) In einem FamiliengesprŠch habe ich gegenŸber der Ehefrau von Herrn Feldmann das aktuelle Krankheitsbild sowie den Verdacht auf die mšgliche Entwicklung einer demenziellen Entwicklung geŠu§ertÒ (Schreiben vom 18.11.2009).

 

Als ich damals selber in Goddelau war, ist meiner Frau derselbe Vorschlag einer ãEntmŸndigungÒ (wie das damals noch hie§) gemacht worden. Und zwar, als ich meinen freiwilligen Aufenthalt in Goddelau beenden wollte. Der Arzt wollte mich dabehalten, ich wŸrde einen suizidalen Eindruck auf ihn machen. Meine Frau holte mich mithilfe eines befreundeten Anwalts heraus. Wie einfach wŠre es gewesen, wenn mich meine Angehšrigen hŠtten loswerden wollen. Wie oft kommt das noch heute vor?

 

Bevor Reiner Feldmann in die geschlossene Demenzabteilung verlegt wird und seiner Frau der ãEntmŸndigungsÒvorschlag unterbreitet wird, leistet sich der Patient mehrere Regelverletzungen: Er kommt nicht zum vereinbarten Termin von SpaziergŠngen zurŸck. Am 15. MŠrz kehrt er erst um kurz vor neun Uhr abends zurŸck, am 19. MŠrz erst tief in der Nacht gegen halb eins. Er sagt, dass sei ein Waldspaziergang gewesen, er habe Abstand von der Klinik gebraucht. Aber die Klinik alarmiert verstŠndlicherweise gegen 23 Uhr die

Polizei. Reiner Feldmann sieht irgendwann den Streifenwagen und lŠsst sich zurŸckfahren.  Der Krankenbericht notiert, der Patient sei všllig desorientiert gewesen. Reiner Feldmann  Šrgert das. ÈSchlie§lichÇ, sagt er, Èhabe ich, der angeblich Verwirrte, damals die Polizei  problemlos durch das verwinkelte GelŠnde zu meiner Unterkunft geleitet.Ç Kein Arzt habe  sich nach seiner RŸckkehr um ihn gekŸmmert, er sei einfach schlafen gegangen. Ganz so einfach wird es nicht gewesen sein, zumindest schreibt die Pflegekraft, die nachts fŸr etwa 30 Patienten zustŠndig ist, sie habe den Patienten mehrfach auffordern mŸssen, zu Bett zu gehen. Von weiteren, gar Šrztlichen Interventionen ist allerdings nicht die Rede.

 

Die Klinik verlegt Reiner Feldmann in Absprache zwischen Stationsarzt und Bereichsleiter unter Hinweis auf dieses Ereignis und wegen seiner wiederholt ãverwirrtenÒ ZustŠnde mit Zustimmung des Patienten in die geschlossene Demenzabteilung (9/2). Auch hier fehlt in der Krankenakte jedes Nachdenken darŸber, ob die VerwirrungszustŠnde mit der Medikamentengabe zu tun habe kšnnten oder ob die RegelŸbertretungen mit der Schockdiagnose Gehirnschrumpfung zusammenhŠngen. Immerhin erhŠlt der Patient seit drei Wochen einen Mix aus vier Psychopharmaka (Zyprexa, Quilonum, Trevilor und Tavor) zusŠtzlich zwei Bluthochdruckmittel (Raminpril, ab dem 16.3. noch ein weiteres Bluthochdruckmittel, Delix 5 plus (Nebenwirkungen sind Schwindel, MŸdigkeit, SchlŠfrigkeit). Und soll dann noch verdauen, dass er sich, mšglicherweise unheilbar, das Gehirn weggesoffen habe.

 

Die Verlegung in die geschlossene Demenzabteilung ist ein zweites Schockerlebnis  fŸr Reiner Feldmann. Er sieht sich umgeben von hilflosen alten Menschen, verwirrt,  desorientiert, stumpf. Der Schock, er habe selber habe eine ãalkoholbedingteÒ Gehirnschrumpfung und Demenz, ist gewaltig und wirft ihn zu Boden. Er sieht sich fŸr den Rest seines Lebens eingeschlossen in Erinnerungslosigkeit und gedanklicher Leere. Seine Angst wŠchst noch einmal, Ÿberwuchert seinen restlichen Lebenswillen vollstŠndig. Auch wird er gleich nach seiner Einlieferung in diese Abteilung mit einem weiteren Psychopharmakon behandelt, Reminyl. Das Medikament fŸhrt hŠufig zu depressiven ZustŠnden und Verwirrtheit, eigentlich ist es bei depressiven Patienten kontraindiziert; ebenso Ÿbrigens wie Zyprexa, das weitergegeben wird, obwohl es bei dementen Patienten (der er ja angeblich ist) nicht gegeben werden soll. Die Empfehlung, Zyprexa nicht zu geben, gilt auch fŸr Patienten mit starkem †bergewicht; Rainer Feldmann ist das, er hŠtte das Mittel von Anfang an nicht erhalten dŸrfen, er muss es aber seit drei Wochen nehmen.

 

Er muss die Mittel nehmen, das gilt wšrtlich. Denn mehrfach notiert die Krankenakte, er habe sich gerade auch gegen die Einnahme von Zyprexa gewehrt. Er wird jedes Mal ãŸberzeugtÒ, das Mittel und sŠmtliche andere Medikamente doch zu schlucken. Der ãVerlaufsberichtÒ der PflegekrŠfte und die €rztebriefschreibung notieren seinen Widerstand am 4.3., 7.3., 10.3., 23.3. (ãAvD Ÿberredete ihn zur EinnahmeÒ),  25.3., 26.3., (ãkonnte jedoch auf Nachdruck dazu bewegt werdenÒ), 2.4. (ãerst nach mehreren AnlŠufen bereitÒ), 8.4. (ãEinnahme ŸberwachenÒ) und am 17.4. 2008.

 

Feldmann beugt sich, hilflos, bis ins Innerste erschŸttert. Seine Frau ist schockiert, kann kaum glauben, was die €rzte da veranstalten. Sie hat jetzt nicht nur einen wahnhaften, sondern auch einen chronisch alkoholkranken, dementen Mann mit Gehirnschrumpfung!

 

Die Demenz-Station empfindet Reiner Feldmann als persšnliches SchreckensgefŠngnis. An seiner Arbeitsstelle und an privaten Problemen depressiv erkrankt, fŸhlt er sich jetzt auf einer Art Endstation, ist davon Ÿberzeugt, dass sein Leben vorbei ist. ÈDie DemenzstationÇ, sagt er, Èmuss man sich in etwa wie folgt vorstellen: Beim FrŸhstŸck werden die meisten Patienten gefŸttert, manche sitzen dann stundenlang nur herum. Andere spazieren den ganzen Tag durch die Station. Eine Patientin wollte sich des …fteren ausziehen. Sie wurde dann vom Personal fixiert. Ein Gro§teil der Patienten trŠgt Windeln. An den ZimmertŸren befinden sich riesige Ziffern. Viele auf der Station waren einsam, nachts haben sie nach ihren Kindern geschrien.Ç

 

Reiner Feldmann registriert die UmstŠnde um ihn herum wie in einem Albtraum: Er  gehšrt hier nicht hin. Er befŸrchtet aber, dass er hier bleiben muss und nicht wieder  herauskommen wird. Hier liegen die Hoffnungslosen, die Aufgegebenen. Aber er  war doch bis vor Kurzem noch Angestellter eines gro§en Versicherungskonzerns!  Schadenssachbearbeiter fŸr besonders komplizierte FŠlle! Wird man so schnell dement,  unheilbar krank?

Hoffnung, sagt seine Frau, habe ihnen damals nur eine Šltere Pflegerin in der Klinik  gegeben. ÈSie flŸsterte mir zu: Ihr Mann hat bestimmt keine Demenz. Warten Sie ab, das  wird sich herausstellen.Ç Diese Pflegerin und ein Psychologe seien die Einzigen gewesen,  die versucht hŠtten, sich in den Patienten hinein zu versetzen und zu verstehen, woran er litt.

 

Schon in der Suchtstation und der Station fŸr depressiv Erkrankte war Reiner Feldmann intensivster medikamentšser Behandlung unterworfen; die setzte sich Ÿber die folgenden drei Wochen in der Demenzstation des Hospitals mit Ÿber einem Dutzend Tabletten tŠglich fort.

ÈUmgehend wurde die medikamentšse Behandlung aufgenommen, ohne mein EinverstŠndnis. An einem dieser Tage weigerte ich mich, meine etwa 15 Tabletten zu nehmen.Ç Die Krankenakte vermerkt dazu: ÈHeute Morgen wurde beobachtet, wie er die angeordneten Medikamente ausspuckt und in der Tasche versteckte. Darauf angesprochen, gab Herr F. keine adŠquate Antwort.Ç

 

Was wŠre adŠquat gewesen? ÈIch will mich von euch nicht vergiften lassen?Ç Die typische  Antwort eines Wahnkranken, paranoid, gŠnzlich an der RealitŠt vorbei das wŠre  womšglich die Reaktion der €rzte gewesen. Und tatsŠchlich wurde seiner Weigerung ja auch in keinem Fall entsprochen und die Zufuhr von Medikamenten wegen seiner Klagen eingeschrŠnkt. Ich hatte es damals selber erlebt und im Tagebuch festgehalten: ÈIch komme mir vor wie der typische Irre, der sich als einzig Normaler unter lauter Irren fŸhlt.Ç Und doch setzt sich irgendwann das Misstrauen fest, vielleicht sei man selber derjenige, der wahnhaft an der Wirklichkeit vorbeilebe.

 

Schlie§lich misstraut Reiner Feldmann sogar seiner Frau, er befŸrchtet, sie wolle ihn  womšglich in dieser Station endgŸltig ÈabladenÇ. Ich kenne dieses GefŸhl des Èinduzierten  IrreseinsÇ: Unter dem Einfluss anderer Kranker, vom Pflegepersonal behandelt wie ein  unheilbar Verlorener, zerbršseln die eigenen KrŠfte. Reiner Feldmann wirkt zerbrochen,  verzweifelt, ohne Hoffnung.

In welchem Umfang war die Stimmung des Patienten negativ von den starken Psychopharmaka beeinflusst? Schwere bis schwerste Nebenwirkungen sind bei allen Medikamenten bekannt, die ihm verabreicht werden: Tavor, Haldol (bzw. Haloperidol), Quilonum, Zyprexa, Pipamperon, Reminyl. Und in der Demenzstation bekommt er ab dem 2.4. tŠglich sieben verschiedene Medikamente: Dipiperon, Tavor, Zyprexa, Quilonum, Trevilor, Reminyl, Delix 5 plus. Vom 9.4. bis 12.4. erhŠlt er zwar kein Reminyl mehr, dafŸr zusŠtzlich Akineton und Haldol, insgesamt also acht verschiedene Arzneien. Dipiperon wird am 12.4. abgesetzt, die restliche Medikation wird bis zum 5.5. fortgefŸhrt. Wie weit schŸttelt ein solcher Mix einen depressiv erkrankten Menschen durch? Wie sehr wŸrden auch Gesunde bei einer solchen toxischen Tortur in die Knie gehen!?

 

Prof. Dr. Frank Matakas, dem ich die von der Klinik schriftlich festgehaltene Medikation vorlege, ist erschrocken. Warum seien dem Patienten gleich drei verschiedene Neuroleptika, (ãNervendŠmpfungsmittelÒ)  verabreicht worden, fragt er. Schon bei 6 mg Haldol, wie sie Reiner Feldmann zeitweise erhielt, kŠme es zu MuskelkrŠmpfen, Starrheit der Muskulatur und dadurch zu EinschrŠnkungen der Beweglichkeit und gleichzeitig zu quŠlender Bewegungsunruhe. Diese Nebenwirkungen seien fŸr die Patienten extrem unangenehm. Als Fazit seiner Expertise schreibt Prof. Matakas:

 

ãEine ziemlich widersinnige, teilweise in der Kombination den Patienten schŠdigende Medikation insgesamt. Der Arzt wusste mit dem Patienten nichts anzufangen. Mšglicherweise dachte er, jedes dieser Medikamente nimmt ein Symptom weg: also Haldol die Verkennung der Wirklichkeit, Tavor die Angst, Quilonum das Manische, Trevilor das Depressive. Heraus kommt dann ein glŸcklicher Mensch. Diese Vorstellung von Medikamenten und ihrer Wirkung Šhnelt den alten Vorstellungen, dass es einen Liebestrank gibt (s. Tristan und Isolde), dass es das Lebenskraut gibt (Gilgamesch), dass es ZaubertrŠnke gibt (Asterix) usw. Mit Pharmakologie und Psychiatrie hat das kaum etwas zu tun.Ò

 

UnabhŠngig vom Nutzwert und den akuten Gefahren einer solchen Medikation gibt es langfristige Folgen: Nach Studien aus den USA und EinschŠtzungen der Deutschen Gesellschaft fŸr Soziale Psychiatrie ist die hŠufig extensive Verschreibung von Antipsychotika eine der Ursachen, warum die Lebenserwartung von psychisch Kranken um 20 bis 25 Jahre unter der durchschnittlichen Lebenserwartung liegt.

 

Zwei Wochen nach seiner Einlieferung in die geschlossene Demenzstation nimmt das Philippshospital die offizielle Auswertung des CT-Befundes der Radiologie Darmstadt endlich zur Kenntnis. Anders als die KlinikŠrzte in ihrer Vorabinterpretation

erklŠrt das Institut, die Computertomografie zeige keinerlei krankhafte VerŠnderung. Also: keine Demenz, keine Gehirnschrumpfung. In der Krankenakte vermerkt die €rztin der geschlossenen Demenzstation am 4. April 2008: Èkeine HirnatrophieÇ. Jetzt erst erfolgt lt. demselben Eintrag ãeine psychologische Testuntersuchung.Ò Nach zwei Wochen in der Demenzabteilung. Ergebnis: ãDiese weist auch auf keine Demenz hin.Ò Immerhin reagiert die €rztin jetzt prompt:: ÈDa es keinen Hinweis auf eine Demenz gibt, wird Reminyl abgesetzt.Ç Reminyl, das Demenzmedikament, das dem nicht dementen Patienten seit zwei Wochen verabreicht wird.

 

Reiner Feldmann und seine Frau erfahren von der Auswertung des CT, welche die Therapie in der Demenzabteilung des Philippshospitals als Fehlbehandlung einstuft, eher beilŠufig. Als sie ihren Mann besucht, wird ihr in einem GesprŠch erklŠrt ãdie Diagnose Demenz ist ja nun vom TischÒ,und sie sucht nach der StationsŠrztin, die aufblickt und meint, es liege ja nun doch keine Gehirnschrumpfung vor, das sei ja schšn. Reiner Feldmann selbst wird Ÿberhaupt nicht informiert, sondern erfŠhrt die verŠnderte EinschŠtzung von seiner Frau. Kein Wort der Entschuldigung hšren beide fŸr die FehleinschŠtzung und der spŠter daraus resultierenden ÈTherapieÇ als dementer Patient. Aber es geht Reiner Feldmann nach der Korrektur der bisherigen, klinikinternen CT-Interpretation allmŠhlich besser. Am 9. 4. 2008 vermerkt die Krankenakte: ÈGestern zeigte Herr Feldmann všllig Ÿberraschende, neue Verhaltensweisen. Im Tagesraum sitzend machte er Gymnastik mit einem Gummiband, beteiligte sich richtig am Lšsen von KreuzwortrŠtseln, von der Mimik her wirkte er lebendig, an seiner Umgebung interessiert.Ç (Reiner Feldmann legt Wert darauf, klarzustellen, da§ er sich noch nie in seinem Leben mit der Lšsung von KreuzwortrŠtseln abgegeben hat. )

 

Am 10. April reagiert die Klinik. Feldmann wird verlegt und zwar auf die ãSŸdseiteÒ der Station 9/2. Auch diese Seite wird klinikintern noch als Teil der geschlossenen Station gefŸhrt. Aber augenscheinlich ist der Umgang mit den Patienten auf der ãSŸdseiteÒ der Station ein anderer als auf der bisherigen ãSeiteÒ. Das notiert auch die Krankenakte mit dem Eintrag vom 14.4.: ãHerr Feldmann ist am Donnerstag letzter Woche (10.4., G.W.) auf die SŸdseite umgezogen. Der Umzug habe ihm gut getan, er bekomme mehr Anregungen und Anstš§e.Ò Reiner Feldmann versteht die Verlegung subjektiv als Ende seines Einschlusses in der geschlossenen Demenzabteilung. Die RŸcknahme der Fehlinterpretation des CT, die ihn ungemein erleichtert hat, die Verlegung  und nicht zuletzt wohl auch die Streichung von Reminyl bessern seinen Zustand.

 

Damit kehrt er ins Leben, in die Hoffnung zurŸck. Der Patient erlebt zwar weiterhin tiefe Stimmungsschwankungen, aber er kann jetzt hŠufiger am Wochenende nach Hause und sieht ganz offensichtlich Licht am Ende des Tunnels. Nach weiteren sechs Wochen wird Feldmann in die Freiheit entlassen.

 

Vier Monate spŠter stellt der ehemalige Patient gegenŸber seiner Krankenkasse, dem  Philippshospital und dessen TrŠger, dem Landeswohlfahrtsverband Hessen, fest, dass er  aufgrund einer falscher Interpretation des CT-Bildes Ÿber Wochen mit starken Medikamenten behandelt wurde und in einer geschlossenen Station eingesperrt war. Er fordert Regress fŸr die erlittenen SchŠdigungen in Hšhe von 7500 Euro. Diesen Betrag hatten andere Patienten fŸr Šhnliche Fehldiagnosen bereits erstritten. Die Staatsanwaltschaft, an die er sich wendet, lehnt es ab, seine Anzeige wegen Kšrperverletzung gegen die behandelnden €rzte zu verfolgen. Sie stellt das Ermittlungsverfahren am 26. Februar 2010 ein und schreibt zur BegrŸndung: ÈDass der Antragsteller diese Diagnosen anzweifelt, begrŸndet noch keinen Nachweis eines Šrztlichen Fehlverhaltens. Eine Fehldiagnose objektiv nachzuweisen ist jetzt nicht mehr mšglich.Ç

 

Reiner Feldmann legt bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt Anfang MŠrz  Beschwerde ein. Die wird fŸnf Wochen spŠter verworfen. Wie genau der unterzeichnende  Oberstaatsanwalt die Krankenakte gelesen hat, erschlie§t sich aus den AblehnungsgrŸnden:

Auf der Station 9/4, schreibt der Beamte, Èwurde eine Computer-Tomographie mit dem  Ergebnis einer Atrophie durchgefŸhrtÇ. Die zwar nicht im Philippshospital, sondern in  der Radiologie Darmstadt vorgenommene Untersuchung ergab aber ausdrŸcklich keine  Gehirnschrumpfung.

 

Reiner Feldmann verzichtete aus KostengrŸnden auf eine weitere gerichtliche  Auseinandersetzung. Dem von der Staatsanwaltschaft nachtrŠglich erneut  Stigmatisierten bleibt nur noch, den Ende 2009 eingeschlagenen Weg zur Gutachter-  und Schlichtungsstelle bei der LandesŠrztekammer Hessen weiterzugehen. Die  LandesŠrztekammer bittet immerhin die Klinik um Stellungnahmen, es gibt Schriftwechsel  und Einwendungen hin und her.

 

Nach einem knappen Dreivierteljahr hat Reiner Feldmann bezŸglich der Unterstellung, er sei chronisch alkoholkrank, einen ersten kleinen Erfolg zu verzeichnen. Im Juli 2010 erklŠrt die Šrztliche Direktion des Philippshospitals, nachdem Feldmann ihr mitgeteilt hat, er habe mich Ÿber seinen Fall informiert: ÈSehr geehrter Herr Feldmann, nach nochmaliger kritischer Durchsicht unserer Šrztlichen Unterlagen ist festzustellen, dass sich die zu Beginn Ihres Aufenthalts formulierte Diagnose einer AlkoholabhŠngigkeit nicht mit letzter Sicherheit aufrechterhalten lŠsst. Sollte die Nennung dieser vorlŠufigen Diagnose bei Ihnen zu Irritationen gefŸhrt haben, bedauere ich dies.Ç Eine Entschuldigung wŸrde sicherlich anders aussehen, aber es gehšrt zur Tragik Šrztlichen Handelns, dass jede Entschuldigung eine Regressforderung des Patienten begrŸnden kšnnte. Vielleicht ist deshalb der mitmenschliche Impuls, sich bei einem Menschen zu entschuldigen, dem man Schaden zugefŸgt hat, derart gebremst, wie es in diesem Schreiben der Fall zu sein scheint.

 

Die †bernahme von Verantwortung fŸr Fehler jedenfalls sieht anders aus. Falsche Diagnosen mit entsprechend fehlerhaften Behandlungskonsequenzen habe es im Philippshospital nicht  gegeben – das wird zum Mantra der Klinik vor der Gutachter- und Schlichtungsstelle der  LandesŠrztekammer Hessen. Dort wird bis heute Ÿber den Antrag von Reiner Feldmann  gestritten. Die Klinik stellt sich auf den Standpunkt, Reiner Feldmann sei und bleibe  – ganz unabhŠngig vom Schreiben des Klinikdirektors – dementer Alkoholiker. In der  Stellungnahme des zustŠndigen Stationsarztes der Abteilung 9/2 gegenŸber der LandesŠrztekammer vom 16.12. 2009 hei§t es, Feldmann sei všllig zu Recht in die gerontopsychiatrische Station verlegt worden. Und zwar wegen ãVerwirrtheit, fehlender AnsprachefŠhigkeit etc. (und) wegen akuter EigengefŠhrdungÒ. Im Ÿbrigen zitiert der Arzt zustimmend den Entlassungsbericht und attestiert Feldmann u.a. eine ãchronische AlkoholkrankheitÒ (ebd.).

 

Die Gutachter- und Schiedskommission ist bei der LandesŠrztekammer angesiedelt, der  berufsstŠndischen Vereinigung der €rzte, also im weiteren Sinne bei einer der beiden  streitenden Parteien, der Šrztlichen nŠmlich. Nicht unbedingt ein Verfahren, das NeutralitŠt  und ObjektivitŠt sicherstellt. Deshalb fordern die PatientenverbŠnde seit langem eine unabhŠngige   Schlichtung, wenn die Folgen Šrztlicher Fehler bewertet werden mŸssen. Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener kŠmpft auch 35 Jahre nach der Psychiatriereform weiter fŸr MenschenwŸrde in den psychiatrischen Anstalten und fŸr unabhŠngige Beschwerdestellen. Das ist die zentrale Forderung, um die Struktur der Beschšnigung oder gar Vertuschung von Behandlungsfehlern zu durchbrechen.

 

Denn Fehldiagnosen und Behandlungsfehler sind in diesem Zweig der Medizin keine Seltenheit. Es komme je nach Stšrungsbild immer noch bei Ÿber 20 Prozent der Patienten  zu einer Fehldiagnose, schŠtzt ein Professor fŸr Klinische Psychologie, der namentlich  nicht genannt werden will. Die Einsparungen im Gesundheitswesen lie§en allzu oft eine individuelle Behandlung und Diagnose insbesondere in Grenzsituationen nicht mehr zu.

 

Der Spiegel hat in seiner Ausgabe vom 16.5. 2011 enthŸllt, dass eine bemerkenswerte Anzahl von leitenden Psychiatern, aber auch Psychologen sich weniger um Verbesserungen dieser Grundprobleme sorgen als um ihr ganz persšnliches Wohlergehen. Abgepolstert von gut honorierten BeratervertrŠgen mit der Arzneimittelindustrie propagieren sie gegenŸber €rzten, KrankenhŠusern und der interessierten …ffentlichkeit stŠndig neue und keineswegs als hilfreich erwiesene Psychopharmaka und helfen, sie in den Markt zu drŸcken. Und sei es, dass sie dafŸr ganz neue Krankheitsbilder erfinden mŸssen. Leider gehšrt zu diesem Club der kassierenden KoryphŠen auch ein Herr Professor fŸr Klinische Psychologie, den ich um eine Stellungnahme zur Lage in der Psychiatrie gebeten hatte und der mir seine harsche und detaillierte Kritik zuerst unter voller Namensnennung dargelegt hatte. Bis er sie dann, als ich sie im hier vorliegenden Zusammenhang veršffentlichen wollte, namentlich nicht mehr vertreten mochte. Als ich schlie§lich lesen musste, dass der von mir um Rat gebetene Psychiater im Sold von sechs Pharmaunternehmen steht und auch noch das sogenannte ãSissi-SyndromÒ mit erdichtet und propagiert hatte, war mir die RŸcknahme seiner Kritik mehr als nachvollziehbar. (s. Spiegel Nr. 20 vom 16.05.2011 und Jšrg Blech: ãSeelsorger fŸr die IndustrieÒ)

 

Nun gut, auch ohne die Weihe dieses Professors ist nicht nur mir klar: Es liegt vieles im Argen in den psychiatrischen Kliniken Deutschlands. Und in aller erster Linie ist die leichtfertige therapeutische Fixierung auf die Psychopharmaka zu beklagen – bei allen Linderungen, die gezielt und schonend eingesetzte Medikamente bewirken kšnnen. Das mšchte ich ausdrŸcklich betonen.

 

Der bedauernswerte Zustand in der psychiatrischen Behandlung ist auch angesichts der zunehmenden Zahl von Zwangseinweisungen in die Psychiatrie ein Problem. Das Justizministerium gibt an, sie seien zwischen 1992 und 2008 von 41.000 auf 144.000 gestiegen, also um Ÿber 350 Prozent. Ist unsere Gesellschaft tatsŠchlich so krank? Oder verbergen sich hinter diesen Zahlen bisweilen auch so fragwŸrdige FŠlle wie der eines MŸnchner KunsthŠndlers, den der ehemalige Direktor der Psychiatrischen Klinik der UniversitŠt MŸnchen  Èpraktisch ohne UntersuchungÇ (SŸddeutsche Zeitung vom 21. August 2008)  fŸr geisteskrank erklŠrte. Um sich der drohenden Zwangseinweisung zu entziehen, die von seiner Ehegattin betrieben wurde, floh der KunsthŠndler in die Schweiz. Der behandelnde Professor wurde im Februar 2010, nach einem mehr als zehn Jahre wŠhrenden Rechtsstreit, vom Oberlandesgericht MŸnchen zur Zahlung von 15.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt.

 

Abgesehen von derart mutwilligen Fehlurteilen, steht au§er Frage: Die psychiatrischen Kliniken mŸssten personell und finanziell wesentlich besser ausgestattet werden. Denn nur eine intensive Betreuung des Patienten schafft die Basis, um sich in eine seelische Erkrankung hineindenken und sie erfassen zu kšnnen. TatsŠchlich aber herrschen Personal- und Zeitmangel in den Kliniken. Und wenn das Personal mitunter ausreicht, fehlt es dennoch zu oft an einem respektvollen und hilfreichen Umgang mit den psychisch Kranken. Dazu brŠuchte es stŠndiger Ausbildung und Anleitung und vor allem eine Ende der gedanklichen und therapeutischen †berfixierung auf die Psychopharmaka.

 

In der Historischen Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, des TrŠgers des  Philippshospitals, ist 2004 ein 500 Seiten starker Sammelband mit dem Titel  Haltestation  Philippshospital  erschienen. Im vorletzten der 38 BeitrŠge (Psychiatrie aus der Sicht einer  Angehšrigen) schreibt die Mutter einer Patientin: ÈDurch die Gesundheitsreform ist alles  noch schlimmer geworden, es bleibt hŠufig nur noch das Medikamente-Verabreichen, weil  jedes Wort, jede GesprŠchstherapie Geld kostet, das fŸr diese Menschen nicht da ist. Die  Probleme fŸr psychisch Kranke sind nach wie vor gro§ oder grš§er geworden.Ç Leider stimmt das: In einer Zeit, in der das Krankenhaus wie ein beliebiges Industrieunternehmen gefŸhrt, die Krankenbehandlung ãbudgetiertÒ und fŸr jede Handreichung und jedes GesprŠch €rzten und Pflegepersonal ein normiertes Zeitkontingent zur VerfŸgung gestellt wird, kann sich ein Arzt, der z.B. sein ãGesprŠchsbudgetÒ – auch so ein Unwort unserer Zeit -  Ÿberschreitet, also ãzu vielÒ Zeit fŸr die individuelle Patientenbetreuung verwendet, sehr schnell eine RŸge einhandeln. Beugt er sich nicht den normierten Vorgaben, bekommt er schlie§lich Druck, bis hin zur KŸndigung.

 

Reiner Feldmann hat trotz dieser Probleme, die wohl in den meisten psychiatrischen KrankenhŠusern dieselben sind, den Schritt zurŸck in ein normales Leben geschafft. Die Klinik sagt: weil wir ihn erfolgreich mediziert haben (Zitat aus einem Schreiben einer behandelnden €rztin aus der Demenzstation vom 18.11. 2009: ãUnter zusŠtzlicher Haloperidol-Medikation stabilisierte sich nach einigen Wochen der Zustand von Herrn Feldmann zunehmend. (...) Am 20.5. wurde Herr Feldmann in ausreichend stabilem Zustand wieder nach Hause entlassen.Ò) Reiner Feldmann und seine Frau sagen: trotz der falschen Zuschreibung als Alkoholiker und Dementer mit Gehirnschrumpfung, trotz der daraus erfolgenden Fehlbehandlung und trotz der Ÿberbordenden Medikation sei er wieder halbwegs ins Lot gekommen. Allerdings nur vorŸbergehend.

 

Als Reiner Feldmann aus der Klinik herauskam, kehrte er nicht mehr in seine alte Arbeit  zurŸck. Er hatte zwar noch eine Zeit lang mit AlbtrŠumen zu kŠmpfen, in denen er besonders die Erlebnisse in der Demenzabteilung noch einmal durchlitt. Aber bald fing er wieder an, unter Menschen zu gehen, er schloss sich einer BŸrgerinitiative zur Belebung der Innenstadt seines Heimatortes an und traf sich wieder regelmЧig mit Freunden. Bald jedoch entwickelte er Symptome einer ausgeprŠgten Manie. Seine Frau beschreibt das so: ãReiner schoss geradezu in eine heftige manische Phase, die Ÿber zwei Jahre anhielt. Wir haben die falsche Diagnose Demenz Ÿberstanden. Die Euphorie darŸber, nicht den Verstand verloren zu haben und die Depression vermeintlich Ÿberwunden zu haben, konnten wir nicht bewŠltigen.Ò In dieser manischen Phase spielten sich dramatische Ereignisse ab, schlie§lich zerbrach die Ehe der Feldmanns. Und dann kam, zwei Jahre spŠter, der Absturz in eine nŠchste Depression. Aber diesmal hatte Reiner Feldmann mehr GlŸck. Er und seine Frau fanden – durch meine Vermittlung - eine Klinik, die sich ihm všllig anders widmete, als er es im Philippshospital erlebt hatte. Hilde Feldmann schreibt dazu in einem Offenen Brief an den Klinikdirektor von Goddelau: ãIm Vordergrund standen regelmЧige hilfreiche therapeutische GesprŠche, eine gute Betreuung und gute Kontakte mit den €rzten. Auch das Šu§ere Erscheinungsbild der Klinik macht einen sehr guten Eindruck.Ò

 

Wenn Reiner Feldmann  jetzt um seine Anerkennung als Opfer einer falschen Diagnose und falschen Therapie kŠmpfen muss, wenn er eine ehrliche Entschuldigung der Klinik fordert, wenn er an die …ffentlichkeit geht und Ÿber seinen Fall berichtet, dann schwingt in seinen AktivitŠten viel Wut, viel Verletztheit und viel KrŠnkung und auch Wut mit. Andere Patienten, denen es Šhnlich wie ihm ergangen ist, machen all das mit sich allein aus. Oder scheitern, seinem Fall nicht unŠhnlich, schon bei dem Versuch, die Staatsanwaltschaft fŸr den Vorwurf von Kšrperverletzung oder sogar Kšrperverletzung mit Todesfolge zu interessieren. In Rostock hat das gerade der Vater eines Psychiatrieinsassen erlebt, der sich – wie seine Angehšrigen Ÿberzeugt sind – wegen Fehlbehandlung und †bermedikation das Leben genommen hat (www.todinrostock.de).

 

Es muss ein anderer Stil her in der Auseinandersetzung mit dem, was heute noch oder wieder zu erheblichen Teilen die Psychiatrie bestimmt: wenn im †berma§ Tabletten verabreicht werden, wenn die Zeit fŸr einfŸhlende GesprŠche und Therapien fehlt, wenn die Behandlungsstruktur in psychiatrischen Kliniken unter dem herrschenden Kostendruck Patienten schŠdigt und womšglich krŠnker macht als sie vorher waren, dann ist die Gesellschaft zur Korrektur aufgefordert. Die Psychiatriereform ist nicht zu Ende. Sie braucht einen neuen Anlauf.