|
|
In Geisendorf: Der Mann, der Günter Wallraff ist
Der Fragen um Günter Wallraff gab es viele, die sich stellte, wer
am Dienstagabend in das Kulturforum der Lausitzer Braunkohle
nach Geisendorf kam: Kommt er oder kommt er nicht? Lässt er etwas
gucken, was er bisher verborgen hat? Und in welche Rolle schlüpft er, der in
der in versteckter Ermittlung für seine Reportagen schon so viele
Identitäten vorgetäuscht hatte?
Der Meister der Maske war schon als vermeintlicher Alkoholiker im Irrenhaus, als
ein angeblicher Napalmhersteller auf erfolgreicher Suche nach Absolution im Beichtstuhl.
Er deckte als vorgetäuschter Ministerialdirektor dubiose Werkschutzpraktiken auf, brachte
als Reporter Hans Esser Aufregung in die «Bild» - Redaktion und musste als «Türke
Ali Levant» die schmutzigsten und gefährlichsten Arbeiten verrichten.
Die erste Frage beantwortete sich sehr schnell: Er kam (und sah und siegte). Eine
Woge von mehr als beifälliger Begrüßung schlug Wallraff entgegen. Es war wie ein
Heimspiel nach vielen Auswärtsspielen. Schwer genug, denn fühlbar lastet der psychische Druck
der Medien auf ihm.
Doch in Geisendorf war es zum Aufatmen. Die Unschuldsvermutung, hehres
Allgemeingut zivilisierten Umgangs in der freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft, hier
bei diesen Lausitzer Zuhörern und Gesprächspartnern zählte sie. Sie interessierten
sich denn mehr für die Art und Weise, wie die Stasi Leute abschöpfte und ausnutzte,
auch böses Spiel mit gutem Schein spielte. Wallraff bekam in der DDR Akteneinsicht bei
der Suche nach alten Nazis und Kriegsverbrechern und merkte offenbar nicht, dass er
schon, als er den Fuß in den ersten deutschen Arbeiter- und Bauern-Staat gesetzt hatte,
von «Schild und Schwert» der Partei ins Visier genommen wurde. Er nennt das heute
«naiv und blauäugig» .
Wer ihn da vorgestern hörte, glaubt, dass der jetzt sechzigjährige Wallraff über
den dreißigjährigen staunt: Wie da einer, der selbst die Maske gewöhnt ist, anderen nicht
unter die Maske schauen konnte, ja, nicht einmal deren Maskierung bemerkte. Welch
ein Nährboden, der sich zur Abschöpfung anbot. Günter Wallraff, daran schien in
Geisendorf niemand zu zweifeln, tappte damals unbemerkt, unbewusst und unbedarft in diese Falle.
Das ist über 30 Jahre her. Und wer will ihm eigentlich absprechen, dass er daraus
gelernt hat» Nicht erst heute, sondern schon wenige Jahre danach: bei der Biermann-Affäre.
Da war er 32 Jahre alt. Er sagt jetzt, dass es erst dieser Ausbürgerung bedurfte, «um die
DDR endgültig als antisozialistisches und menschenfeindliches Willkür- und
Unrechtsregime ohne irgendwelche Reformchancen zu durchschauen» . Diese Erkenntnis wurde in
ihm vor 27 Jahren geweckt. Aber mit ihr verschlossen sich dem kritischen Sozialisten aus
dem Westen für mehr als ein Jahrzehnt die Grenzübergänge in den Osten. Wenn ihn die
Stasi einst als abschöpfenswertes Objekt geführt hatte, schrieb sie sich nun mit Unflat die
Wut aus der Feder.
Günter Wallraff kämpft heute, an die Demokratie glaubend, um seinen Ruf. Fühlt er
sich nun von Ober-Meistern der Maske geschlagen? «Nein, ich bin nicht geschlagen. Ich
meine aber, dass nach Öffnung der Stasi-Archive eine Aufarbeitung und Offenlegung auch
der BND-Archive überfällig ist. Denn dieser bekanntlich von alten Nazis aufgebaute
und durchsetzte Geheimdienst hat zwar nicht flächendeckend und totalitär
Gesetze gebrochen, Kriegswaffen in Kriegsgebiete geliefert, . . . progressive Politiker bespitzelt . .
. illegale Abhöraktionen und Lauschangriffe bewerkstelligt.»
Wallraff griff auch zum Buch und las: Wie er eine feine Party mit einem Pulk von
Arbeits- und Obdachlosen friedlich aufmischte oder wie er, das «Ganz unten» gewöhnt,
eine Gesellschaft von «Ganz oben» im Baum beobachtete. Er war in Geisendorf der Mann,
der Günter Wallraff ist. Ohne Maske.
|
|