Namenlos1

aus: Lausitzer Rundschau

Von Klaus Wilke -Artikel vom 11.09.2003

In Geisendorf: Der Mann, der Günter Wallraff ist

Der Fragen um Günter Wallraff gab es viele, die sich stellte, wer am Dienstagabend in das Kulturforum der Lausitzer Braunkohle nach Geisendorf kam: Kommt er oder kommt er nicht? Lässt er etwas gucken, was er bisher verborgen hat? Und in welche Rolle schlüpft er, der in der in versteckter Ermittlung für seine Reportagen schon so viele Identitäten vorgetäuscht hatte?

Der Meister der Maske war schon als vermeintlicher Alkoholiker im Irrenhaus, als ein angeblicher Napalmhersteller auf erfolgreicher Suche nach Absolution im Beichtstuhl. Er deckte als vorgetäuschter Ministerialdirektor dubiose Werkschutzpraktiken auf, brachte als Reporter Hans Esser Aufregung in die «Bild» - Redaktion und musste als «Türke Ali Levant» die schmutzigsten und gefährlichsten Arbeiten verrichten.

Die erste Frage beantwortete sich sehr schnell: Er kam (und sah und siegte). Eine Woge von mehr als beifälliger Begrüßung schlug Wallraff entgegen. Es war wie ein Heimspiel nach vielen Auswärtsspielen. Schwer genug, denn fühlbar lastet der psychische Druck der Medien auf ihm.

Doch in Geisendorf war es zum Aufatmen. Die Unschuldsvermutung, hehres Allgemeingut zivilisierten Umgangs in der freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft, hier ­ bei diesen Lausitzer Zuhörern und Gesprächspartnern ­ zählte sie. Sie interessierten sich denn mehr für die Art und Weise, wie die Stasi Leute abschöpfte und ausnutzte, auch böses Spiel mit gutem Schein spielte. Wallraff bekam in der DDR Akteneinsicht bei der Suche nach alten Nazis und Kriegsverbrechern und merkte offenbar nicht, dass er schon, als er den Fuß in den ersten deutschen Arbeiter- und Bauern-Staat gesetzt hatte, von «Schild und Schwert» der Partei ins Visier genommen wurde. Er nennt das heute «naiv und blauäugig» .

Wer ihn da vorgestern hörte, glaubt, dass der jetzt sechzigjährige Wallraff über den dreißigjährigen staunt: Wie da einer, der selbst die Maske gewöhnt ist, anderen nicht unter die Maske schauen konnte, ja, nicht einmal deren Maskierung bemerkte. Welch ein Nährboden, der sich zur Abschöpfung anbot. Günter Wallraff, daran schien in Geisendorf niemand zu zweifeln, tappte damals unbemerkt, unbewusst und unbedarft in diese Falle.

Das ist über 30 Jahre her. Und wer will ihm eigentlich absprechen, dass er daraus gelernt hat» Nicht erst heute, sondern schon wenige Jahre danach: bei der Biermann-Affäre. Da war er 32 Jahre alt. Er sagt jetzt, dass es erst dieser Ausbürgerung bedurfte, «um die DDR endgültig als antisozialistisches und menschenfeindliches Willkür- und Unrechtsregime ohne irgendwelche Reformchancen zu durchschauen» . Diese Erkenntnis wurde in ihm vor 27 Jahren geweckt. Aber mit ihr verschlossen sich dem kritischen Sozialisten aus dem Westen für mehr als ein Jahrzehnt die Grenzübergänge in den Osten. Wenn ihn die Stasi einst als abschöpfenswertes Objekt geführt hatte, schrieb sie sich nun mit Unflat die Wut aus der Feder.

Günter Wallraff kämpft heute, an die Demokratie glaubend, um seinen Ruf. Fühlt er sich nun von Ober-Meistern der Maske geschlagen? «Nein, ich bin nicht geschlagen. Ich meine aber, dass nach Öffnung der Stasi-Archive eine Aufarbeitung und Offenlegung auch der BND-Archive überfällig ist. Denn dieser bekanntlich von alten Nazis aufgebaute und durchsetzte Geheimdienst hat ­ zwar nicht flächendeckend und totalitär ­ Gesetze gebrochen, Kriegswaffen in Kriegsgebiete geliefert, . . . progressive Politiker bespitzelt . . . illegale Abhöraktionen und Lauschangriffe bewerkstelligt.»

Wallraff griff auch zum Buch und las: Wie er eine feine Party mit einem Pulk von Arbeits- und Obdachlosen friedlich aufmischte oder wie er, das «Ganz unten» gewöhnt, eine Gesellschaft von «Ganz oben» im Baum beobachtete. Er war in Geisendorf der Mann, der Günter Wallraff ist. Ohne Maske.