Wallraff gegen Springer vor dem Hamburger Landgericht

VON JÖRN BREIHOLZ

"Aber da geht es auch schon los." Hatte der Vorsitzende Richter Andreas Buske eben noch die Klageerwiderung von Jan Hegemann, Anwalt des Hauses Axel Springer, als "gehaltvollen Vortrag" gewürdigt, stellten sich ihm bei der Bewertung der Beweismittel, darunter "schlechte Kopien, die wir erhalten haben", in weiten Teilen die gleichen Fragen, wie sie Helmuth Jipp, der Verteidiger von Günter Wallraff, in seinem Schriftsatz formuliert hatte: Warum stimmten Registrierungsschlüssel nicht überein, warum waren so viele falsche Behauptungen in den IM-Protokollen wie: zwei statt drei Kinder, ein statt zwei Autos, wie: Wallraff sei Mieter des Hauses gewesen, dabei war er Eigentümer, und so weiter. "Da erwarten wir noch Nachbesserungen", mahnte Buske.

Auch die Frage, ob die Bezeichnung A-Quelle nun für eine aktive Stasi-Tätigkeit stehe, wollte das Gericht noch nicht eindeutig beantworten.

Es ist ein mühseliges Puzzle, das vor der Hamburger Pressekammer verhandelt wird, eines, bei dem viele Einzelteile fehlen. Unter anderem deswegen, weil Wallraffs Stasi-Akte, so es sie denn überhaupt gegeben hat, auf Anweisung des Runden Tisches 1990 in den Reißwolf gewandert sein dürfte - wie alle anderen Akten, die die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) über Nicht-DDR-Bürger angelegt hatte. Dazu kommt, dass die Quelle, die Stasi, eine ist, die nicht nur, aber eben auch vom Springer-Verlag "40 Jahre lang als Lügengebäude dargestellt wurde", wie Jipp formulierte. "Bei aller Vorsicht gebe ich Ihnen da ja recht", folgte Hegemann, aber man müsse doch konstatieren, dass es sich bei dem Ministerium für Staatssicherheit um einen "professionellen Geheimdienst" gehandelt habe.

Wallraff gegen Springer - eine Auseinandersetzung, die bis zum Herbst vergangenen Jahres ihre eindeutigen Fronten kannte: Hier Springer, da Wallraff, auf den jeweiligen Seiten die politischen Mitstreiter, wie sie sich seit Jahrzehnten aufgestellt hatten. Doch als Anfang September Marianne Birthler, die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, sagte, über den IM Wagner - das Kürzel, das ihre Behörde für Wallraff ausgemacht haben will - gebe es Hinweise für eine aktive Tätigkeit in den Jahren 1968 bis 1971, geriet der Kölner Schriftsteller unter erheblichen öffentlichen Druck.

Die Beweislast, Wallraff sei IM gewesen, liegt allerdings weiterhin beim Springer Verlag. Unter anderem auch deswegen, weil das Gericht die Frage aufgeworfen hat, ob die Springer-Journalisten Wallraff die Chance gegeben haben, sich zu den neuerlichen Vorwürfen überhaupt zu äußern. Dies sei allerdings, so Jipp, "nicht passiert." Das Urteil soll am 5. März verkündet werden.

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Samstag, 10. Januar 2004: Seite 18, Medien